Saison 2017/18

 

Thema unserer Dialoge in 2017/18 war ´Identität, Einflüsse & Visionen´.

In 4 Konzerten mit musikalischen Werken ausschließlich von Komponisten eines osteuropäischen Landes möchten wir dem besonderen Klang einer nationalen Kultur nachspüren. Durch eine Einführung, die mehr Dialog der moderierenden Musikwissenschaftlerin Dr. Anna Fortunova mit beteiligten Künstlern und geladenen Gästen als Vortrag ist, sollen insbesondere persönliche Reflektionen zur Sprache kommen. Im Konzert wird dann über den musikalischen Eindruck ein unbewusstes Verständnis der Eigenart und Vielfalt der jeweiligen musikalischen Muttersprache ermöglicht. Die illusionistischen ´apparent homelands´ des Video-Künstlers Tosh Leykum schaffen im Hintergrund eine weitere Ebene und werfen Fragen zur Wirklichkeit und Suggestion auf.

 

2018

________________________________________1. KONZERT

P O L E N

4. 3. 2018 – 18 Uhr | Künstlerhaus Hannover / Joseph-Joachim-Saal

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F. CHOPIN

    Cello-Sonate in g-Moll, op. 65

M. WEINBERG

    Cello-Sonate Nr. 2

 K. SZYMANOWSKI

    Sonate in d-Moll, op. 9  (Bearbeitung für Cello & Klavier) 

W. LUTOSŁAWSKI

    ´Grave´ für Cello & Klavier

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Vashti Hunter – Cello   (Info)

Martin Klett – Klavier   (Info)

Tosh Leykum – Video-Art   (Info)

Dr. Anna Fortunova – Einführung, HMTM Hannover

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SZYMANOWSKI verband in seinen Werken impressionistische, fremdländische und moderne Einflüsse zu einer fantasievollen Musik. Aus seiner faszinierenden, manchmal exotisch anmutenden Kammermusik präsentieren wir die Violinsonate in der selten gespielten Cello-Fassung. Auch in diesem frühen, emotional turbulenten Werk zeigt sich schon sein kompositorisches Streben und Experimentieren – an der Grenze zur Tonalität auf dem Weg in die Moderne. Doch auch Eindrücke der Musik Chopins und Scriabins und der deutschen Spätromantik bleiben hörbar.

Die berühmte Cellosonate in g-Moll ist eines der wenigen kammermusikalischen Werke des romantischen Klaviervirtuosen Frédéric CHOPIN. In diesem aufwühlenden Werk voller Melancholie und Dramatik legt er eigene Visionen einer neuzeitlichen, romantischen Kammermusik vor. Die Tonsprache Chopins ist dabei am ehesten französisch gefärbt, aber in ihrer Eleganz und dem strömenden Melodienreichtum als singulär zu bezeichnen. Die besondere Klangfarbe seiner Heimat, die am deutlichsten in seinen Tänzen zum Vorschein kommt, schimmert hier nur subtil durch.

Der in Warschau geborene WEINBERG floh als junger Mann aus dem besetzten Polen schließlich nach Moskau, so dass seine Musik sehr von der russischen Schule geprägt wurde. Sein eklektischer, aber äußerst homogener und spannender Stil lässt auch den Einfluss Schostakowitschs durchscheinen. Die dem Cellisten Mstislav Rostropovich gewidmete Cello-Sonate erschöpft das Ausdruckvermögen des Instrumentes mit Anklängen aus der traditionellen jüdischen Musik und moderner Harmonik.

LUTOSŁAWSKI verarbeitet in seinem Werk ´Grave´ thematisches Material aus Debussys “Pelléas et Melisande“. Der Klassiker der polnischen Moderne lotete auch neue Kompositionsansätze wie die Reihentechnik aus. So wird auch dieses Werk, das im Spannungsfeld von Tradition und Moderne angesiedelt ist, von einer konsequent durchgeführten Zwölftonreihe bestimmt.

 

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2017

________________________________________1. KONZERT

U N G A R N

1. 4. 2017 – 19 Uhr | Künstlerhaus Hannover / Joseph-Joachim-Saal

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FRANZ LISZT

    h-Moll Sonate für Klavier & Ungarische Rhapsodie Nr. 15

ZÓLTAN KODÁLY

    Sonate für Cello solo, op. 8

    Sonate für Cello & Klavier, op. 4

BÉLA BARTÓK

    Klaviersonate, BB 80

GYÖRGY LIGETI

    Sonate für Cello solo

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Prof. Leonid Gorokhov – Cello, HMTM Hannover

Amir Tebenikhin – Klavier

Tosh Leykum – Video-Art

Dr. Anna Fortunova – HMTM Hannover

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Die Musik UNGARNs ist vor allem durch ihre volkstümliche Rhythmik und farbenreiche, oft dunkle Melodik geprägt, zeugt aber auch von den vielseitigen Einflüssen des kaiserzeitlichen Österreichs, der slawischen Nachbarn und des Orients. Die romantische Tonsprache LISZTs ist von großer Leidenschaft und zugleich geistiger Strukturierung deutscher Schule durchdrungen. Seine weltberühmte h-Moll-Sonate für Klavier gilt als größte nachbeethovensche Sonatenschöpfung und lotet visionär in Harmonik und Virtuosität seine weitreichende Auslegung der Romantik bis an die Grenzen aus.

Dagegen zeigt BARTÓKs Klaviersonate einen perkussiveren Ansatz mit folkloristischen Motiven und Tonrepetitionen. Seine moderne Interpretation der musikalischen Tradition gründete sich auf Studien von Volksliedern und Tänzen, deren Einfachheit und Schroffheit er künstlerisch abstrahierte und kompositorisch in neue Zusammenhänge setzte.

KODÁLYs expertmentierfreudige Sonate für Cello solo wird als eines der signifikantesten Werke für Solocello seit J. S. Bachs Suiten angesehen. In ihr ist die Inspiration durch die Musik Bartóks, aber auch Claude Debussys zu erkennen. Ihm gelang der sublime Kunstgriff, Folklore atmosphärisch durchschimmern zu lassen.

LIGETI komponierte Frühwerke in der Erweiterung der musikalischen Sprache Bartóks und Kodálys teils mit neoromantischen Anklängen, so auch die Solosonate für Cello, die als ein Dialog zwischen Mann und Frau gedacht ist. In seiner seltsam lebendigen, neuen Musik sind komplizierte, fast verwirrt wirkende Strukturen und eine mitschwingende Tragik stilbildende Merkmale.

 

________________________________________2. KONZERT

R U S S L A N D

17. 6. 2017 – 19 Uhr | Künstlerhaus Hannover / Joseph-Joachim-Saal

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IGOR STRAWINSKY

    ´Le Sacre du Printemps´ (Bearbeitung für 4 Hände)

SERGEJ RACHMANINOW

    Suite, op. 11 – 6 Stücke (für 4 Hände)

MODEST MUSSORGSKI

    Monologe für Bass aus der Oper ´Boris Godunow´

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Prof. Markus Becker – Klavier I, HMTM Hannover

Johannes Nies – Klavier II

Shavleg Armasi – Bass, Nds. Staatsoper

Tosh Leykum – Video-Art

Dr. Anna Fortunova – Einführung, HMTM Hannover

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In RUSSLANDs Klanglandschaft mischen sich slawische Volksweisen, Motive orthodoxer Religion sowie tradierter Mythen, seit dem 19. Jahrhundert auch westeuropäische Einflüsse und eine völlig eigene, meist unterdrückte Moderne.

STRAWINSKYs explosiv-expressionistisches Ballett ´Le Sacre du Printemps´ strotzte vor kompromissloser Modernität und wild-dramatischer Archaik. Sein auch von der Auferstehung handelndes Meisterwerk voller Poly-Rhythmik und – tonalität vereinte den nach Neuem strebenden Intellekt sowie die Besinnung auf das Ursprüngliche seiner russischen Heimat. Eine gewaltige pianistische Herausforderung, der ungeheuren Lebendigkeit dieses singulären Werks gerecht zu werden!

Gegenüber der erweiterten Tonalität Strawinskis zeigt die Suite zu vier Händen RACHMANINOWs die romantische und melancholische Seite der russischen Seele, vor allem aus Sicht des Westens. Dabei waren die riesigen Melodiebögen und satte Harmonik des ´letzten Romantikers´ auch westeuropäischen Vorbildern Rachmaninows geschuldet.

MUSSORGSKI besann sich in seiner Kunst einzig auf seine russische Herkunft und wollte äußersten Realismus sowie eine unmittelbare Symbiose von Text und Musik erreichen. Auch in ´der´ russischen Oper ´Boris Godunow´ sind seine melodischen, klangvollen Motive so genial und bedeutungsschwer wie einfach. Ein genuines, psychologisches Stimmungsgemälde voller Stolz, Urwüchsigkeit, Emotionalität, aber auch Zweifel und Verzweiflung.

Über die vier großen Szenen (Krönung, großer Monlog 2. Akt, Wahnbild-Szene, Gebet und Tod) zeichnet Mussorgsky die innere Entwicklung Boris´ in aller emotionaler Intensität und tragischer wie anrührender Dramatik.

 

________________________________________3. KONZERT

T S C H E C H I E N

29. 10. 2017 – 18 Uhr | Künstlerhaus Hannover / Joseph-Joachim-Saal

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LEOŠ JANÁČEK

    ´Tagebuch eines Verschollenen´ (Liederzyklus für Tenor, Mezzo & Klavier)

    Klaviersonate Nr. 1 X. ´Von der Straße´ (1915)

ANTONÍN DVOŘÁK

    ´Biblische Lieder´, op. 99 (Zyklus für Mezzo & Klavier)

BEDŘICH SMETANA

    ´Die Moldau´ (Bearbeitung für Klavier)

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Robert Künzli – Tenor, Nds. Staatsoper

Julie-Marie Sundal – Mezzo, Nds. Staatsoper

Johannes Nies – Klavier

Tosh Leykum – Video-Art

Dr. Anna Fortunova – Einführung, HMTM Hannover

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TSCHECHIEN präsentieren wir mit dem selten gezeigten Liederzyklus ´Tagebuch eines Verschollenen´ JANÁČEKs, der seine Kunst der Verbindung von Tradition und modernen Klängen aufweist und wie so oft in seinem Schaffen von dem einfachen, ländlichen Leben erzählt. Der junge Bauer Janek entbrennt in Liebe zu der schönen Zigeunerin Zefka und verlässt schweren Herzens seine Eltern. Wesentlich für seinen Stil ist neben den erkennbaren Elementen mährischer Volksmusik das äußerst melodische Denken gemäß seiner Theorie der Sprachmelodie, bei der es um einen ebenso natürlichen wie akzentreichen Ausdruck geht. Auch seine frühe Klaviersonate ´Von der Straße´ lebt vom Erzählerischen und Stimmungsgeladenen seiner Musik.

DVOŘÁKs späte ´Biblische Lieder´ sind von Schlichtheit geprägt und zugleich einer starken Religiosität durchdrungen. In ihrer deklamatorischen Intensität und melodischen Weiträumigkeit bilden diese den Gipfel seines Liedschaffens und stellen tief empfundene Zeugnisse seiner Heimatverbundenheit dar. Wohl beeinflusst vom Tod seines Vaters geschrieben, sind sie – voller Sehnsucht aus der Ferne Amerikas – eine seiner persönlichsten Aussagen.

Schließlich erklingt SMETANAs tönende Landschaft ´Die Moldau´ aus der berühmten sinfonischen Dichtung ´Mein Vaterland´, hier im rein pianistischen Gewand. Seine kompositorische Absicht war, ein nuanciertes Bild des Laufes der Moldau von ihren Quellen an zu zeichnen. Dabei finden neben der majestätischen Natur auch Stimmungen, das ländliche Leben und mystische Erscheinungen ihre klangmalerische Schilderung. In den epischen Klangbögen und im musikalischen Pathos ist der Einfluss Wagners spürbar.